Die Erlösung der Fanny Lye (Filmkritik)

England im Jahre 1657, das Land ist im puritanischen Umbruch. Zu jener Zeit lebt Fanny Lye mit ihrem aus dem Krieg zurückgekehrten Ehemann und dem gemeinsamen Sohn Arthur auf einer entlegenen Farm. Sie duldet die Eigenheiten ihres religionsfanatischen Ehemanns und fristet ihr Dasein mit harter Arbeit und Züchtigungen auf der Familienfarm. Als sie eines Sonntages von der Kirche auf die Farm zurückkehren, stellen sie mit Entsetzen fest, dass sich ein nacktes Paar in der Scheune versteckt hält.

Die beiden sind augenscheinlich vor jemandem auf der Flucht, doch werden sie vom alten Soldaten in seinem Haus aufgenommen. Fortan helfen sie am Hof mit und stoßen aber schon bald durch ihre unterschiedlichen Ansichten vorn Religion und Leben auf Unverständnis. Als dann der Scherriff beim Hausherrn vorspricht spitzt sich die eh schon angespannte Lage auf dem Hof zu…

Kritik:

Autor und Regisseur Thomas Clay brachte ganze zehn Jahre um seinen Film fertig zu stellen und präsentiert uns einen gelungenen Genremix mit einer interessanten Geschichte. Dabei lässt er Gegensätze aufeinander prallen. Er siedelt seine Geschichte Mitte des 17. Jahrhunderts an, wo die Hausherren zur Kirche buckeln und auf ihre Untergebenen treten.

So stellt uns eine Erzählerin die Familie Lye vor. Gott und Kirche steht über Allem und der alte Ehemann sieht sich in seinem Haushalt gottgleich. Er verbindet Religion mit Gehorsam, lässt aber seine Frau nicht die Bibel lesen. Sie könnte ja etwas in Frage stellen. Stattdessen stehen regelmäßige Züchtigungen an der Tagesordnung und auf dem Weg zur Kirche dürfen Frau und Sohn neben dem am Pferd sitzenden Mann herlaufen.

Die Farm ist abgelegen, ständig von Nebel verhangen und versprüht bedrückende Atmosphäre. Und wie wir hier nicht weiter als bis zu den Grundgrenzen des alten Kirchenfanatikers sehen, blickt dieser auch nicht über seinen Tellerrand und hält seine Familie unter seine strengen Fuchtel. Dazu passend lässt Clay Seine Bildkomposition mit leichter Westernmusik untermalen. Das Set ist stimmungsvoll und Detailverliebt gestaltet.

Doch dann taucht ein nacktes Paar auf der Farm auf, das sich unverheiratet ihren Gelüsten hingibt, die eingefahrenen Werte und vor allem die Religion in Frage stellt. Doch anstatt in einem Dialog die Sache auszureden, greift Clay zu drastischeren Maßnahmen und überlässt seine Protagonisten nun quasi dem Home-Invasion Genre. Nach und nach verliert das alte Familienoberhaupt seine starke Ausstrahlung, und Fanny fühlt sich von den jungen Leuten angezogen.

Sie erkennt die Freiheit die sich ihr bietet, gibt sich geistig und körperlich den beiden Eindringlingen hin, welche Ehemann John für seine religionsfanatische Engstirnigkeit moralisch, psychisch und physisch anprangern. Sie übergeben Fanny den Rohrstock, die sich ihrer neu gefundenen Erlösung hingibt. Einer Ouvertüre gleich unterlegt Clay den Mittelteil mit an eine Oper erinnernden Tönen.

Im letzten Drittel schlägt die Stimmung erneut um, der Nebel außerhalb der Farm ist verschwunden, die Musik wird intensiver und das Geschehen spitzt sich zu. Spannung kommt auf und das Tempo steigert sich. Hier mischt sich Western zur Oper und lässt uns dem Finale entgegen fiebern. Die Handlungen der nun hier beteiligten Personen ist etwas fragwürdig.

Und da hier nicht viele Personen in der Geschichte beteiligt sind, kann sich Clay auch ausreichend Zeit für seine Charaktere nehmen. Die Einführung übernimmt wie schon anfangs erwähnt eine Erzählerin. Über den Verlauf des Films entwickeln sich manche Charaktere weiter, andere halten an ihren Werten fest. Konservative Tradition trifft auf offene Moderne. Die Darsteller können dabei überzeugen und machen ihre Sache recht gut.

Clay überzeugt auch mit der Kameraarbeit. Er fängt die Szenerie stets passend ein. Er setzt Nahaufnahmen zur rechten Zeit und lässt an der Kameraführung die Dramaturgie einer Szene erkennen. Die Musik ist immer passend gewählt. Als kleinen musikalischen Leckerbissen gibts im Abspann noch eine auf einer Zither gespielten Ode an die Freude, die ja im Grunde auch von Veränderung und Loslösung handelt. Da haben sich die ganzen zwei Jahren Postproduktion durchaus ausgezahlt.

Fazit:

Die Erlösung der Fanny Lye ist eine gelungene Charakterstudie, die dank gelungener Bild- und Tonkomposition mehrere Genres vereint.

Bewertung: 4 von 5.

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