Pixote (Filmkritik)

Die Hälfte der Einwohner Brasiliens ist unter 21 Jahre alt. Viele dieser Jugendlichen kommen aus ärmsten Schichten und schlagen sich in den Favelas durch. Da sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr strafunmündig sind, werden sie oft von Erwachsenen für kriminelle Handlungen missbraucht. Sie können nicht mal wegen Mord angeklagt werden. Die einzige Möglichkeit des Gesetzes sind die überfüllten Jugendstrafanstalten.

Und genau dort landet der 10jährige Pixote, nachdem er von seinen Großeltern davongelaufen war, und auf der Straße in diverse Verbrechen verwickelt wurde. Im Jugendlager lernt er neue Freunde kennen, wird aber auch mit körperlicher und sexueller Gewalt zwischen Aufsehern und Inhaftierten, sowie auch zwischen den älteren und jüngeren Burschen konfrontiert. Ebenso macht er seine erste Bekanntschaft mit Drogen.

Nachdem auf den Straßen Sau Paulos ein betuchter Mann von Jugendlichen vor ein Auto gestoßen wurde, und dabei verstarb, ist die Polizei auf der Suche nach dem Mörder. Doch die Jungs schweigen. So werden einige zur Gegenüberstellung aufs Polizeirevier mitgenommen, dort verhört und verprügelt. Zwei werden sogar auf dem Weg dorthin einfach grundlos erschossen und am Straßenrand liegen gelassen.

Wieder zurück erliegt ein weiterer Junge seinen schweren Verletzungen. Die Lagerleitung sieht keine andere Möglichkeit als den Tod des Jungen einfach einen anderen Jungen aus dem Lager anzuhängen. Schön langsam eskaliert die bereits angespannte Situation, und einigen Jungs, darunter auch Pixote, gelingt die Flucht.

Endlich frei, machen sie genau dort weiter, wo sie vor der Strafanstalt aufgehört hatten. Lilica, dessen Freund im Lager in seinen Armen verstorben war, baut den Kontakt zu einem seiner Freier auf, der die, mittlerweile nur noch 4, Freunde als Drogenkuriere einsetzt. Nach einer misslungenen Übergabe steigen die Burschen auf Zuhälterei und Raub um. Dabei schrecken sie auch nicht mehr vor Mord zurück…

Kritik:

Fernab vom Mainstream Hollywoods drehte Hector Babenco 1981 einen Film über seine Heimat. Er wollte der Welt zeigen, wie sich die Straßenkinder von Sau Paulo durchs Leben schlagen. Sie wachsen oft ohne Eltern auf, schlittern in die Kriminalität, landen in Straflagern, werden missbraucht, sexuell und auch für Straftaten. Sie haben keine Perspektive und keine Zukunft. Babenco castete seine Jungdarsteller direkt in den Favelas. Und viel mehr erschüttert es einen, wenn man liest, dass der Hauptdarsteller, Fernando Ramos da Silva, bereits im Alter von 19 auf der Straße in Rio von der Polizei erschossen wurde. Nach dem Film konnte er in der Filmbranche nicht Fuß fassen und landete wieder auf der Straße. Sein Schicksal ist beispielgebend für die vielen anderen Kinder Brasiliens. Im Slum geboren, im Slum gestorben. Ohne Chance auf ein besseres, oder besser gesagt, “normales“ Leben.

Obwohl die Jungs allesamt keine Schauspielerfahrung hatten, machen sie ihre Sache sehr gut und wirken natürlich, ungekünstelt. Sie verstehen es sogar die Dramatik in ihre Szenen zu bringen. Das erforderte natürlich harte Arbeit und eine lange Vorbereitungszeit, wie man im Making of erfährt. Babenco hat den Kindern aber auch teilweise freie Hand gelassen und sie durften auch eigene Ideen umsetzen. Die Erwachsenen wurden von erfahreneren Schauspielern gespielt, treten aber in dem Film in den Hintergrund.

Als Einleitung zum Film stellt ein Mann die Favelas Sau Paulos vor und erzählt über die tragische Situation der hier lebenden Kinder. Danach wird der Film in zwei Teilen präsentiert. Anfangs begleitet man den jungen Pixote im Jugendstraflager. Babenco hatte sich zuvor solche Lager angesehen und diese Inspirationen im Film verarbeitet. Anders als in Hollywood verschönt er die Situation nicht. Auch die prüde Einstellung der Filmindustrie wird hierbei vermisst.

So werden einige Jungs nackt in einen kleinen Raum gepfercht um eine Sonderbestrafung abzusitzen, Die Wärter verprügeln die Kinder. Sexueller Missbrauch zwischen Erwachsenen und Kindern wird angedeutet. Zum Beispiel bei der Duschszene, wo ein Wärter bei den nackten Kindern vorbei geht und bei einem etwas älteren stehen bleibt und ihn darauf hinweist, sich ordentlich den Arsch zu waschen. Zwischen den Jugendlichen kommt es zu einer Vergewaltigung, die aber im abgedunkelten Raum stattfindet, kaum zu sehen, aber dennoch brutal zermürbend ist. Pornographie kann man dem Regisseur allerdings nicht vorwerfen.

Die Stimmung im Lager ist gereizt, was der Atmosphäre des Films sehr gut tut. Als einige Jungen von der Polizei geholt werden, verprügelt oder gar ermordet werden, eskaliert die Situation und den Hauptprotagonisten gelingt die Flucht. Und somit schwenkt Babenco zum zweiten Teil seines Films um.

Wieder in Freiheit machen die Kids das, was sie als einziges können, stehlen. Im geschäftigen Sau Paulo sind sie einige von vielen, gehen in der Menge unter. Es bleibt auch Zeit für einge unbeschwerte, ruhige Momente. Bis sie an den Drogendealer geraten. Da wird die Sichtweise wieder schmäler, und die Spannung steigt an. Jedoch beginnt der Film hier unausgegoren zu werden. Drohungen des Dealers verlaufen auch nach verpatzten Drogenübergaben im Sand, man sieht ihn dann gar nicht mehr. Die Kinder bleiben in Rio und schulen von Drogenhandel auf Prostitution um. Und als einen schon fast nichts mehr im Film schockieren kann, werden die Jungs auch noch zu Mördern. Emotionslos töten sie, zwar meist unabsichtlich, doch ohne Reue.

Und sind die Jungs nach außen recht hart drauf, was nach deren Erlebnisse kein Wunder mehr zu sein scheint, haben sie doch Gefühle und Verlangen. Verlangen nach Geborgenheit, Familie, Liebe. Ob es nun zwischen zwei der Jungs funkt und die Eifersucht diese dann doch entzweien lässt oder der kleine Pixote sich nichts mehr als eine Mutter wünscht, die er glaubt in der Prostituierten gefunden zu haben, um dann erst wieder verstoßen zu werden. Diese Tatsache hat Babenco sehr gut dargestellt, als der kleine in Embryostellung in den Armen der Hure liegt und an ihren Titten nuckelt.

Babenco verschönt hier gar nichts. Er beschreitet mit seinem Film ein Terrain , das Hollywood nicht mal aus der Ferne betrachten würde. Kinder die morden, Drogen nehmen, diese verkaufen, misshandelt, vergewaltigt und zur Kriminalität gezwungen werden, Prostitution, Homosexualität, um nur einige zu nennen. Dabei scheut er weder Nacktszenen noch blutige Gewalt.

Es gelingt ihm somit sehr gut die Zustände seines Landes einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ob diese das nun sehen wollen oder die Augen verschließen tut nichts zur Sache, denn so ist das Leben der Kinder von Brasiliens Großstädten und wird sich so schnell nicht ändern.

Fazit:

Wer City of God mochte, sollte Pixote nicht versäumen. Die Realität ist härter als jeder Film, dennoch konnte Babenco diese gut einfangen. Stets spannend fiebert man mit den Kids mit. Die dreckige Atmosphäre der Großstadt passt gut zum Gesamtwerk und nach dem Film fühlt man sich, als würde einem in den Magen getreten werden.

4,5/5

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