Ein Kind zu töten … (Filmkritik)

Vor der Geburt ihres Kindes möchten Tom und Evelyn noch ein paar Tage am Strand verbringen. So reisen sie in eine spanische Küstenstadt. Da dort allerdings gerade ein Fest veranstaltet wird, beschließen die Beiden auf die abgelegene Insel Almanzora zu fahren, wo sie von freundlichen Kindern, die am Strand spielen, empfangen werden.

Als das Paar ins Dorf geht, finden sie dieses ruhig und verlassen vor. Nirgends treffen sie auf Erwachsene. Und auch die Kinder sind seltsam, fast schon bedrohlich, ruhig. Offenbar sind die Dorfbewohner zu einem Fest auf der anderen Seite der Insel gefahren. So suchen Tom und Evelyn das Dorfhotel auf. Aber auch hier scheint niemand anwesend zu sein.

Als Tom einen erschütternden Vorfall beobachtet, wird ihm die Gefahr klar, in der sie sich befinden. Um Evelyn nicht zu beunruhigen erzählt er nichts von seinem Erlebnis. Irgendetwas stimmt mit den Kindern nicht. Bald drängen sie Tom und Evelyn in die Enge. Sie möchten sie, wie all die anderen Erwachsenen, umbringen. Doch wer bringt es fertig, ein Kind zu töten?

Kritik:

Zu Beginn des Films zeigt Regisseur Narciso Ibáñez Serrador eindringliche Archivaufnahmen und Photos von 5 Kriegen. Man erfährt, wie viele Kinder bei den Massakern gestorben sind. Jede Szene, jedes Bild verpasst dem Zuschauer eine schmerzenden Schlag in den Magen. Bei jedem Wechseln, von einem auf den nächsten Krieg, hört man im Hintergrund Kindergelächter. Ein fröhliches Lachen, das hier komplett fehl am Platz scheint, sich aber dennoch in die Erinnerung einbrennt. Und genau dieses Lachen erkennt man später im Film immer wieder.

Die letzte Überblendung führt den Zuschauer an einen beschaulichen Strand. Das Bild gewinnt an Farbe, aber es ist noch nicht an der Zeit aufzuatmen, denn Kinder finden die Leiche einer Frau im Wasser treibend. Serrador lässt den Zuschauer genauso unwissend, über den Grund ihres Todes, zurück, wie die gaffenden Touristen am Strand. Denn schon steigen Tom und die hochschwangere Evelyn aus dem Bus, um ihren letzten Urlaub zu genießen, bevor das Kind zur Welt kommt.

Es dauert nicht lange, bis die Beiden beschließen, auf die idyllische Mittelmeerinsel zu fahren. Dort angekommen macht sich subtile Stille breit. Es sind nur noch Kinder auf der Insel. Doch diese sprechen kein Wort mit den beiden Touristen, was sie bedrohlicher wirken lässt. Die Atmosphäre wird immer dichter und die Spannung steigt von Minute zu Minute an. Dabei spielt sich, im Gegensatz zu vielen anderen Filmen, alles am helllichten Tag ab. Der “rettende“ Tag kann den Protagonisten keinen Schutz vor dem Grauen bieten.

Kinder sind erbarmungslos, sie kennen keine Hemmschwelle. Sie haben alle Erwachsenen auf der Insel getötet. Diese setzten sich nicht zur Wehr, denn wer kann schon Kinder, vor allem seine eigenen, töten. Und so lässt sich auch ein liebender Vater widerstandslos zur Schlachtbank führen. Die Frage nach dem Warum lässt Serrador unbeantwortet. Es bleibt Raum für Interpretation, auf die, wie die Vergangenheit am Beispiel der deutschen FSK gezeigt hat, getrost verzichtet werden kann. Denn Theorien über Außerirdische nehmen dem Film die Wirkung.

Außerdem baut Serrador im Verlauf des Films keinen direkten Kontext zur bedrückenden Eröffnungssequenz auf. Die Kinder kristallisieren sich dabei deutlich als Opfer heraus. Im Film lehnen sie sich gegen die Opferrolle auf. Die Auflehnung erfolgt durch die Ermordung aller Erwachsener, in Vertretung derer, für die in der Eröffnungssequenz gezeigten Gräuel Verantwortlichen. Augenkontakt zwischen den Kindern genügt, um sich der Sache anzuschließen. Der Blick in die Augen kann als Blick in die Seele gedeutet werden. Also fernab von sämtlichen Alientheorien

Die, bedrohlich wirkenden, Kinder töten gnadenlos. Sie töten mit einem lachenden Gesicht, das zuvor angesprochene Gelächter ist wieder hörbar, was wie ein Kontrast zur Stimmung des Films aussieht, macht diese um Vieles bedrückender. Serrador verzichtet darauf, die Morde detailliert zu zeigen, was auf alle Fälle die richtige Entscheidung war, denn so erleidet die Atmosphäre keinen Einbruch.

Doch nicht die Gewalt der Kinder an den Erwachsenen, sondern die Tatsache, dass Kinder in dem Film getötet werden, brachte ihn in Verruf der Zensur. Von Verzweiflung getrieben, in Notwehr, erschießt Tom ein Kind. Dabei ist er genauso schockiert wie der Zuseher. Ein Bluttropfen rinnt langsam eine weiße Wand herunter. Es wird still. Die Unschuld wurde befleckt, ein Tabu gebrochen. Serrado lässt dem Zuschauer einige Zeit, um die Szene zu verdauen, bevor es zum actiongeladenen Showdown kommt. Über die Frage, ob es dabei dann auch die “Richtigen“ trifft, muss der Zuschauer mit sich selbst vereinbaren. Serrador bezieht dazu keine Stellung.

Die beiden Hauptdarsteller passen sich perfekt ins Geschehen ein. In ihren Gesichtern lässt sich das Grauen sehr gut ablesen. Ihre Emotionen tragen viel zur guten Atmosphäre bei. Tom möchte Evelyn schützen, er erzählt ihr vorerst nichts von den Vorkommnissen. Als es ums blanke Überleben geht, fällt er schwierige Entscheidungen. Er zögert, sieht aber keinen anderen Ausweg. Er setzt sogar das Leben seines ungeborenen Kindes aufs Spiel, indem er Evelyn zum Laufen drängt.

Positiv hervorzuheben sei außerdem die hervorragende Kameraarbeit, sowie die immer passende Filmmusik, die in den richtigen Momenten schweigt.

Fazit:

Serrador liefert mit ¿Quién puede matar a un niño? ein bedrückendes Meisterwerk ab, das mit dichter Atmosphäre und hervorragenden Schauspielern dem Zuschauer lange im Gedächtnis bleiben wird.

5/5

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